
In der Veranstaltungsreihe möchten wir der Frage nachgehen, welche Möglichkeiten für Utopie und gesellschaftsverändernde Praxis in einer Zeit bestehen, in der der Kapitalismus (fast?) alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens durchdringt. Die Vorträge widmen sich dazu einigen – heute mehr oder weniger aus dem Blickfeld geratenen – Ansätzen, die versuchen, die Möglichkeit gesellschaftsverändernder Praxis im Kapitalismus zu bestimmen. Gleichzeitig ist das Ziel, nicht bei einer Rekonstruktion der und Einführung in die Ansätze stehen zu bleiben, sondern auch Probleme und Schwächen aufzuzeigen und über ihre heutige Aktualität zu diskutieren. Die Veranstaltungsreihe knüpft dabei an die vorhergehende an, die sich unter dem Titel „Im Rahmen des Möglichen“ den Möglichkeiten von Arbeitskämpfen innerhalb der aktuellen Gesellschaftsformation widmete.
Der Operaismus (19.06., 18 Uhr, Hörsaal 6, HSG) begreift den Kampf der Arbeiter_innen gegen die Lohnarbeit als grundlegend für die Entwicklungsdynamik der Gesellschaft und die Arbeiter_innenklasse als zentralen Akteur gesellschaftlicher Veränderung. Die Untersuchung der periodischen Neuzusammensetzung der Arbeiter_innenklasse ist für die Operaist_innen die notwendige Voraussetzung, um eine adäquate politische Strategie zu entwickeln und die Verkrustung der traditionellen Organisationen der Arbeiter_innenbewegung zu überwinden. Es referiert Thomas Sablowski.
Die Situationist_innen (26.06., 20 Uhr, Hörsaal 6, HSG) begründen als internationale Theoretiker_innen- und Experimentator_innengruppe in den 1950er und 60er-Jahren die Kritik der kapitalistischen „Gesellschaft des Spektakels“. Unter Bezug auf Dadaismus und Surrealismus entwickeln sie u.a. mit dem Umherschweifen und der Zweckentfremdung relativ konkrete Techniken, um Kunst und Politik aufzuheben und das revolutionäre Begehren freizusetzen. Der „konterrevolutionären Langeweile“ des Alltagslebens aufgrund der vollendeten „Proletarisierung der Welt“ setzen sie eine strategische „Psychogeographie“ in Verbindung mit einer theoretischen Praxis entgegen, die Impulsgeberin für die Fabrikbesetzungsbewegung in Frankreich im Mai 68 geworden ist. Es referiert das Autorenkollektiv des Buches „Situationistische Revolutionstheorie“.
In ihrem Vortrag zu Marcuse (1. Semesterwoche WiSe 08/09) geht Ingrid Kurz-Scherf (angefragt) der Frage nach, wie dieser trotz seiner Analyse einer „eindimensionalen Gesellschaft“ zu einer positiven Einschätzung des revolutionären Potentials von Intellektuellen und gesellschaftlichen Randgruppen gelangt. Eine besondere Rolle kommt dabei – psychoanalytisch hergeleiteten – „tabuierten Urbildern der Freiheit“ zu, die sich der „Herrschaft des Realitätsprinzips“ tendenziell zu entziehen vermögen.
Gramsci (2. Semesterwoche WiSe 08/09) setzt sich damit auseinander, warum es in Italien nicht zu einer bolschewistischen Revolution kam. Mit den Konzepten der Hegemonie, der Theorie des organischen Intellektuellen und der Verknüpfung von Staat und Zivilgesellschaft entwickelt er ein Analysekonzept, mit dem er die Widerstände gegen ein revolutionäres Potential zu erfassen versucht. Referentin ist Sonja Buckel (angefragt).
Adorno (3. Semesterwoche WiSe 08/09) beurteilt die Möglichkeit einer gesellschaftsverändernden Praxis weitaus skeptischer. In seinem Vortrag zeigt Roger Behrens (angefragt) auf, wo dieser, obwohl er „verdinglichte Begrifflichkeiten“ und eine „verwaltete Welt“ konstatiert, Möglichkeiten der Utopie verortet. Eine zentrale Stellung nehmen hierbei die „bestimmte Negation“ sowie das „Nichtidentische“, welches über das was ist hinausweist, ein.
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