Archiv für Juni 2009

Kein Platz mehr für Marx – Kräfteverhältnisse in der neoliberalen Dienstleistungshochschule am Beispiel der Politikwissenschaft in Marburg

Zur Dokumentation ein Artikel der Linken Fachschaft von 2007, erschienen in ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 523 / :

Kein Platz mehr für Marx
Kräfteverhältnisse in der neoliberalen Dienstleistungshochschule am Beispiel der Politikwissenschaft in Marburg

„Studierende der Sozialwissenschaften können für ihre Beschäftigung mit Adorno und Gramsci, demnächst wohl auch wieder mit Marx, keinen Seminarschein bekommen und Wissenschaftler, die mit diesem Instrumentarium denken und arbeiten, können nicht auf Professuren berufen werden. […] Das ist schade, für die Betroffenen und die Universität. Das ist aber nicht verwunderlich. Es ist nur völlig inakzeptabel.“ (Steinert 2007: 20)

Das Ende des Marxismus in Marburg
Am Institut für Politikwissenschaft in Marburg (Lahn) wird es in Zukunft keine Professur mit marxistisch inspirierter Forschungsperspektive mehr geben. Diese Forschungsperspektive hatte in den vergangenen 50 Jahren das Institut geprägt. Von 1950 bis 1972 lehrte dort der Marxist Wolfgang Abendroth, in den 70er Jahren wurden im Zuge der Öffnung der Hochschulen eine Reihe seiner Schüler berufen. Altersbedingt verließen sie in den vergangenen Jahren die Universität – und mit ihnen der Marxismus.
Als letzter Abendrothschüler wurde 2006 Frank Deppe emeritiert, seine Nachfolge mit der Denomination „Internationale Politische Ökonomie mit Schwerpunkt Europäische Integration“ ausgeschrieben. Nachdem der Erstplatzierte seine Bewerbung zurückzog, intervenierte das Präsidium gegen die Berufung des Zweitplatzierten Dieter Plehwe, indem es die Professur strich. Während Senat und Fachbereichsrat dieses Vorgehen kritisierten, akzeptierte das Institut für Politikwissenschaft per Mehrheitsbeschluss „unter Protest“ die Stellenstreichung. Die Vermutung liegt nahe, dass es der Mehrheit der verbliebenen ProfessorInnen durchaus gelegen kam, endgültig mit der marxistischen Tradition des Instituts zu brechen.
Infolgedessen gründete sich eine „Initiative zur Rettung kritischer Wissenschaft“. Dieser gelang es, die unter Bezug auf ökonomische „Notwendigkeiten“ begründete Entscheidung des Präsidiums zu politisieren und Öffentlichkeit herzustellen.
Am Fall Marburg zeigen sich beispielhaft die Kräfteverhältnisse innerhalb der Universität nach Jahren neoliberaler Hochschulreform. Denn auch wenn es zu Protest gegen die Kürzung kam – schon das ist nicht immer der Fall – war der Ausgang abzusehen. Ziel des Artikels ist es, einige der den veränderten Kräfteverhältnissen zugrunde liegenden Entwicklungen nachzuzeichnen.

Management, Unterfinanzierung und Humankapitallogik
In den vergangenen Jahren wurden innerhalb der Hochschulen Leitungsebenen (insbesondere Präsidien und Dekanate) auf- und ausgebaut, die Managementfunktionen wahrnehmen. Das neu etablierte Management ist – unter anderem in Berufungsverfahren – mit einer Reihe von Kompetenzen ausgestattet, die vorher bei Gremien der Gruppenhochschule oder den Wissenschaftsministerien der Länder lagen. (Vgl. für Hessen u.a. Klink 2004)
Die Kompetenzverlagerung wurde mit dem erklärten Ziel durchgeführt, einerseits die Entscheidungen innerhalb der Hochschule zu professionalisieren, andererseits mittels betriebswirtschaftlicher Instrumentarien die „Effizienz“ der Hochschule zu steigern. Während die Hochschulselbstverwaltung der Gruppenhochschule in der Regel nach wissenschaftspolitischen Kriterien entschied, führt das Hochschulmanagement seine Entscheidungen auf ökonomische Einschätzungen und „Sachzwänge“ zurück. (Keller 2000: 384) Innerhalb der Hochschule werden seitdem Marktmechanisme simuliert. „Profitable“ Forschungsbereiche werden besser ausgestattet als solche, die als wenig rentabel gelten. Folge ist eine Entpolitisierung und Ökonomisierung der hochschulinternen Debatte.
Neben den Managementstrukturen bestehen die Gremien der Gruppenhochschule (vorerst) weiter. Diese Koexistenz ist durchaus konfliktreich und kann – siehe Marburg – Möglichkeiten zu einer Politisierung der Entscheidungen des Managements bieten. Es ist jedoch auch eine Interessenkonvergenz zwischen konservativen HoschulprofessorInnen und dem Management möglich.
Kritische Wissenschaft muss sich damit heute gegen zwei übermächtige Gegner behaupten: Auf der einen Seite das ökonomisch-technokratische Management, auf der anderen die konservativen ProfessorInnen. Wo die einen ihr Ziel von Kostenreduktionen verwirklichen wollen, ergreifen andere ihre Chance, Lehr- und Forschungsprofile nach ihren Interessen neu zu gestalten.
Verschärft wird die Problematik durch die massive Unterfinanzierung der Universitäten, die Rationalisierungen innerhalb der Hochschule erzwingt. „Effizienzsteigerung“ und „Strukturreformen“ sind die einzigen Wege, welche die Universitäten im Umgang mit dieser Problematik gehen (Keller 2000: 317).
Während die Zahl von StudienanfängerInnen stetig steigt (BMBF 2002: 152), stagniert seit Jahrzehnten die Höhe der staatlichen Ausgaben für die Hochschulen (Bultmann 1997). In der Folge sind die miserablen Studienbedingungen an deutschen Hochschulen zum Normalzustand geworden (Bultmann 1997). Neben einer falschen Prioritätensetzung bei der Ausgabe öffentlicher Mittel ist dies auch dem Umstand geschuldet, dass, u.a. durch die Steuerpolitik der letzten Jahre, die öffentlichen Haushalte in Handlungsnot geraten sind (DGB 2007: 6). Dies hat weitreichende Konsequenzen für die Hochschulen, da sie trotz der zunehmenden Relevanz von Drittmitteln nach wie vor zu 95% aus öffentlichen Mitteln finanziert werden (OECD 2007: 52).
Der Sparkurs der Universitäten ist mit zielgerichteten Konzentrations- und Differenzierungsprozessen verbunden (Bultmann 1997). Unter diesen leiden besonders die Bereiche der Geistes- und Sozialwissenschaften, in denen grundsätzliche Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen, z.B. aus marxistischen Perspektiven, geübt wird.
Darüber hinaus ist die Einführung der Bachelor- und Master Studiengänge im Rahmen des Bologna-Prozesses wesentlich für die Verdrängung kritischer Wissenschaft verantwortlich. Die Entwicklung der neuen Studiengänge steht ganz im Zeichen der „employability“. Ein gestrafftes, praxisbezogenes Studium soll den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes entsprechen. Alternative Studieninhalte und –formen sind mit dieser Zielsetzung schwer vereinbar. Die allgegenwärtigen Akkreditierungsagenturen tragen dazu bei, Inhalt und Struktur von Studiengängen an feste Rahmenbedingen zu binden. (KMK 2005: 1-3)
Ein solches Studium bietet wenig Möglichkeit zu eigener Schwerpunktbildung und zwingt dazu, Module abzuarbeiten ohne Studieninhalte zu reflektieren. Betroffen sind auch wissenschaftliche MitarbeiterInnen und ProfessorInnen, deren Lehrinhalte den Vorgaben der „employability“ entsprechen müssen.
Die Forderung nach Wissenschaft jenseits des akademischen Mainstreams wird von Studierendenseite aus zunehmend leiser. Diese sind den Anforderungen der modularisierten Studiengänge ebenso unterworfen wie z.B. arbeitmarktpolitischen Disziplinierungsinstrumenten. Folglich internalisieren Studierende eine Humankapitallogik, die die Marktnachfrage bei der Studien- und Lebensplanung antizipiert. (Gilles 2007: 183) Reflexion über das Studium und dessen selbstständige Gestaltung werden aufgrund einer erzwungenen Anpassung an den Studienverlaufsplan und dem zunehmenden Konkurrenzkampf unter Studierenden erstickt.

Fazit
Die Verankerung kritischer Wissenschaft in der Universität wird durch Managementstrukturen, Unterfinanzierung und neue Studieninhalte und -formen zunehmend erschwert. Einerseits widerspricht ihr in der Regel der Imperativ, Verwertbarkeit zu beweisen, andererseits sinkt durch die Veränderung der Studienmotivation auch die „Nachfrage“.
Für die Universität bedeutet das eine Rückführung zur „konservativen Normalität“ (Steinert 2006: 19). Für das Institut für Politikwissenschaft in Marburg hat es den Abschied von Internationaler Politischer Ökonomie und kritischer Europaforschung zur Folge und damit verbunden den Absturz in die Oberflächlichkeit politikwissenschaftlichen Mainstreams.
Zur Zeit gibt es am Institut noch eine Professur für feministische Geschlechterforschung, sowie eine Juniorprofessur im Bereich der kritischen Europaforschung. Die Juniorprofessur läuft im kommenden Jahr aus. Angesichts der Probleme von Lehr- und Forschungsansätzen, die gesellschaftliche Verhältnisse grundsätzlich hinterfragen und kritisieren, ist mittelfristig auch die Zukunft der Professur für Geschlechterforschung ungewiss.

Literatur:
Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) (2002): Grund- und Strukturdaten 2001/2002; http://www.bmbf.de/pub/GuS2002_ges_dt.pdf (letzter eigener Zugriff: 10.11.2007).
Bultmann, Torsten (1997): Die standortgerechte Dienstleistungshochschule; in: Prokla 104; http://www.staff.uni-marburg.de/~rillingr/wpl/texte/1bultman.htm (letzter eigener Zugriff: 10.11.2007).
Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB) – Bezirk Hessen-Thüringen (2007): Schwerpunktforderungen der Gewerkschaften in Hessen zum Haushalt 2008 der hessischen Landesregierung; www.hessen.dgb.de/themen/haushalt/schwerpunktforderungen_2008.pdf (letzter eigener Zugriff: 10.11.2007).
Gilles, Markus (2007): Die total verwaltetet Uniwelt – Zur Auswirkung der Bologna-Reform auf die Möglichkeit eines kritischen Studiums; In: Brüchert, Oliver/Wagner, Alexander (Hg.): Kritische Wissenschaft, Emanzipation und die Entwicklung der Hochschule – Reproduktionsbedingungen und Perspektiven kritischer Theorie; Forum Wissenschaft Studien Bd. 53; Marburg.
Keller, Andreas (2000): Hochschulreform und Hochschulrevolte. Selbstverwaltung und Mitbestimmung in der Ordinarienuniversität, der Gruppenhochschule und der Hochschule des 21. Jahrhunderts; Marburg: bdwi-Verlag.
Klink, Alexander (2004): Hessisches Hochschulgesetz 2000 vs. Kabinettsentwurf 2004 Synopse; http://hessen.uebergebuehr.de/uploads/media/hhg_synopse.pdf; (letzter eigener Zugriff: 9.11.2007).
Kultusministerkonferenz (KMK) (2005): Qualitätssicherung in der Lehre; http://www.akkreditierungsrat.de/fileadmin/Seiteninhalte/Dokumente/kmk/KMK_050922_Qualitaetssicherung_Lehre.pdf; (letzter eigener Zugriff: 11.11.2007).
OECD Directorate for Education (2007): On the Edge: Securing a Sustainable Future for Higher Education (Education Working Paper No. 7); http://www.oecd.org/dataoecd/20/24/38309943.pdf (letzter eigener Zugriff: 10.11.2007).
Steinert, Heinz (2007): Die Universität als Ort von kritischer Theorie?; In: Brüchert, Oliver/Wagner, Alexander (Hg.): Kritische Wissenschaft, Emanzipation und die Entwicklung der Hochschule – Reproduktionsbedingungen und Perspektiven kritischer Theorie; Forum Wissenschaft Studien Bd. 53; Marburg.